01.05.2017

STATE OF STAGE (RELOAD)// Staatliche Kunsthalle Baden-Baden// 45 cbm// 14:36 min// 2017




Kinoteppich, Vorhang1 Glitzerstoff, Vorhang 2 Bühnenmolton, Zwei LED Leisten, Spiegel, Projektion, Beamer, Sitzbank, Lautsprecher liegend 


Der Boden ist mit einem Kinoteppich mit Sternenmotiv ausgelegt und grenzt an den Eingangsbereich der Kunsthalle. Er erinnert an einen umgedrehten Himmel, oder einen “Walk of Fame”. Etwas weiter in den Raum hineinversetzt, befindet sich der Eingang. Dieser ist mit einem silbern glitzernden Vorhang, der an Raumfahrt oder an Weltraum erinnert, irgendwie glamourös, verschlossen. Wie ein Lockstoff, der sich dem Körper, in seiner Stofflichkeit einer zweiten Haut anschmiegt, soll er den Betrachter dazu einladen, den Raum dahinter zu begehen. Durch diesen Vorhang betreten wir die ”Schleuse”. In schummrigem LED Licht, das auf einer Leiste auf 2,20 Höhe an der Wand hinter dem Eingang angebracht ist, befinden wir uns erneut hinter einem zweiten Vorhang, der in den sich öffnenden Raum von 4 Metern Höhe in einem klassischen Faltenwurf harabfällt. Dieser Vorhang ist aus schwarzem Bühnenmolton. Wir gehen durch ihn hindurch und befinden uns in dem Raum dahinter. An der Wand uns gegenüber fällt der Blick in einen schmalen Spiegelstreifen, der den Raum optisch vergrößert. Hier spiegelt sich unser Bild und das der Projektion, das in diesem Moment des Betretens auf uns fällt. Unser Körper wird durch den performativen Akt des Hindurchschreitens durch den Zweiten Vorhang zur Projektionsfläche selbst. Als Publikum werden wir plötzlich zu den Akteuren innerhalb dieser Raumsituation. Obwohl wir “hinter“ der Bühne stehen, befinden wir uns plötzlich “auf“ der Bühne, doch glamourös ist es hier nicht mehr. Der Spiegel uns gegenüber erinnert an die Projektionsfenster im Kinosaal, doch aus ihm kommt nicht der Film, im Gegenteil wird er zu unserem Abbild und zum Refexionsinstrument der Projektion, die durch den Beamer auf den Molton fällt und das Bild psychedelisch und organisch verformt. Da wo sich ebenso die Leinwand befinden könnte, befindet sich nun der Spiegel und eröffnet uns den Blick auf uns selbst und in einen virtuellen Raum “dahinter“, sich aus der Spiegelung des Raumfragments mit Projektion ergebend. Wir stehen im “Rampenlicht” des Beamers, der die morbiden Bilder der verlassenen Kinos und Theater auf den Molton projiziert, bekommen Schauspielanweisungen, hören Schreie, ein sich aus den geschnittenen Tonfragmenten erzeugten Monolog, oder Dialog. Der Teppich mit den Sternen ist am Boden verlegt, aber er ist kaum noch sichtbar. Nur durch das weiche Auftreten erinnert er uns an ein Zuhause. Am Ende des Raums befindet sich am Boden eine weitere LED Leiste, die ausser des Beamers, der auch die abgewandelte Funktion des “Scheinwerferlichts“ übernimmt, die einzige Lichtquelle im Raum darstellt, sowie eine Sitzbank.

Die Videoarbeiten von Jennifer Mattes (* 1982 ) siedeln an der Schnittstelle verschiedener Genres, darunter Dokumentar- und Essayfilm, Hollywoodkino oder Youtube-Clip. Ein Kennzeichen ihrer künstlerischen Praxis ist die Arbeit mit bestehendem Filmmaterial aus den visuellen Datenbanken des Internets – sogenanntem Found Footage – das sie zu neuen Erzählungen kombiniert. Zusammen mit selbst gedrehten Filmsequenzen ergeben sich hieraus präzise Analysen zeitgenössischer Bildkultur sowie humorvolle Kommentare zu ihren favorisierten Themen Suche, Scheitern, Liebe und Begehren. 
Im Studioraum 45cbm der Kunsthalle wird die Künstlerin ihre Videoarbeit „State of Stage“ (2013) in einer ortsspezifischen Installation neu präsentieren. In montierten Szenen kreist „State of Stage“ um die performative Herstellung individueller Selbst- und Fremdbilder auf der Bühne des Lebens wie im virtuellen Raum neuer Medientechniken. Kernstück des Videos bilden die von anonymen Internetnutzern gefilmten Ortsbegehungen verlassener Kinos, die Mattes auf der Videoplattform Youtube aufgespürt hat. In Kombination mit weiteren Filmfragmenten und Tonspuren aus dem Netz hat die Künstlerin diese zu einer Meta-Erzählung über theatrale Räume und identitäre Rollenspiele verdichtet. Während der Monolog einer Schauspielerin aus dem Off den Betrachter in reflexiver Distanz zum Bildgeschehen hält, übertragen Tondramaturgie und kalkulierte Spannungsbögen die affektiven Markierungen von Theater und Kino auf die Rezeptionssituation der Ausstellung. In ihrem Entwurf für Baden-Baden – der Einrichtung eines Backstage-Bereichs, der zugleich die spezifische Raumsituation des Kunsthallen-Entrées in sich aufnimmt – wird Mattes diesen Wirkungseffekt gezielt inszenieren. Text zur Ausstellung: Marie Himmerich